Nerviges
25.07.2010: Es könnte alles so einfach sein.
Wir haben es Euch vorgemacht. Gut, ich war schon 1989 nicht in der Zielgruppe und bin es bis heute nicht. Aber ich hielt die Love Parade immer für eine tolle Veranstaltung für Leute, die sowas mögen. Solange sie noch in Berlin stattfand, war der Veranstaltungsort immer der öffentliche Straßenraum, mit viel Platz und vielen Wegen, die hin und weg führen. Jeder konnte kommen und gehen, jederzeit, überall. Okay, die Pflanzen im Tiergarten mochten es nicht so, aber immerhin gab es immer genug Platz für alle, die kamen – und gingen.
Wer immer auf die Idee gekommen ist, die Love Parade auf einem (viel zu kleinen) abgeschlossenen Gelände, das nur durch einen langen Tunnel zugänglich ist, stattfinden zu lassen, ist schuld an der Tragödie. Ganz einfach.
16.01.2010: nass
In Texas fährt man mit dem Auto zum Einkaufen, auch wenn der Supermarkt nur einen Block weit entfernt ist. Wozu habe ich denn einen Mietwagen, der nach europäischen Maßstäben eher an ein Kreuzfahrtschiff erinnert? Aber nein, ich muß natürlich zu Fuß gehen. (Unter anderem weil es sich um eine Art Biosupermarkt handelt vielleicht
.)
Auf dem Rückweg wird aus dem leichten Regen ein Wolkenbruch; die Jacke zumachen kann ich nicht, denn dafür müßte ich ja beide Hände freihaben, dazu wiederum die Papiertüte mit meinen Einkäufen auf dem nassen Boden abstellen, und die bekäme ich kaum wieder in einem Stück angehoben. Also werde ich patschnaß. Mit der vollgeregneten Brille kann ich auch keinen Pfützen mehr ausweichen, so daß auch die Füße gut Wasser abbekommen.
Das nächste Mal bin ich vernünftig und fahre mit dem Auto.
25.09.2009: der Berliner Feiertagsblues
Im Land Berlin gibt es jedes Jahr neun gesetzliche Feiertage:
- den Neujahrstag,
- den Karfreitag,
- den Ostermontag,
- den 1. Mai,
- den Himmelfahrtstag,
- den Pfingstmontag,
- den Tag der deutschen Einheit,
- den 1. Weihnachtstag und
- den 2. Weihnachtstag.
Vier von diesen Feiertagen fallen immer auf Wochentage (Karfreitag, Ostermontag, Himmelfahrt, Pfingsmontag). Von den übrigen fünf entfallen im Jahr 2010 zwei auf Sonntage (3. Oktober, 26. Dezember) und sind damit für den normalen Werktätigen verloren, und zwei weitere auf Sonnabende (1. Mai, 25. Dezember), was gewissenmaßen noch schlimmer ist, da man den Wochenendeinkauf irgendwie in den Freitag zwängen muß.
Bleibt ein Feiertag übrig, der auf einen Freitag fällt, und das ist der 1. Januar. Das ist – abgesehen von den vier oben genannten Wochentagsfeiertagen – der einzige Feiertag, von dem wir 2010 wirklich etwas haben.
Und der 1. Januar fällt dann 2011 auf einen Sonnabend.
06.06.2009: Anfängerfehler
Die Spitzenkandidatin der FDP hat nicht begriffen, wie die Welt heute funktioniert.
Über den Anteil der Sitzungstage des Europaparlaments, an denen sie tatsächlich anwesend war, ist ein Streit entbrannt. Zunächst ging es darum, ob die Sitzungen, die sie wegen Mutterschutzes versäumt hat, als versäumt gezählt werden dürfen oder nicht. Dann darum, ob die deswegen versäumten Tage als „virtuell anwesend” zu zählen sind oder nur einfach von der Gesamtzahl abgezogen werden müssen (Letzteres natürlich, sagt mein gesunder Menschenverstand). So weit, so schlecht.
Wie man aber auf die Idee kommen kann, in der heutigen Mediengesellschaft gegen die Veröffentlichung eines Zeitungsartikels in der F. A. Z. mit einer Einstweiligen Verfügung vorzugehen, erschließt sich mir nicht. Was in einer Tageszeitung wie der F. A. Z. veröffentlicht wurde, haben so viele Leute gelesen, daß es überhaupt nichts mehr bringt, dagegen noch anders vorzugehen als mit einer Gegendarstellung. Dazu kommt noch, daß sie möglicherweise – das ist noch unbewiesen, aber es sieht schon ein bißchen so aus – bei der Beantragung der Einstweiligen Verfügung eine unwahre Eidesstattliche Versicherung abgegeben hat. Und das wäre dann strafbar.
Aber es kommt noch besser. Als die junge Dame in einer Talkshow auf das Thema angesprochen wurde, obwohl das nicht abgesprochen war, hat sie erst recht uncool reagiert und dann im Nachhinein versucht, die Ausstrahlung der Sendung rechtlich zu verhindern. Wenn man Negativpublicity erzielen will, dann ist das der richtige Weg. Dazu hat sie wohl auch noch ihre Anwälte auf ein Blog angesetzt, das über die Verhandlung über die Einstweilige Verfügung bericht hat. Noch ein böser Fehler.
Ach ja: Sie hat verloren, die Einstweilige Verfügung ist weg.
Na, hat das alles Eure Lust auf unsere Politikerkaste gesteigert? Nein? Sollte die Politikverdrossenheit und niedrige Wahlbeteiligungen vielleicht durch solche Stümperei gefördert werden? Könnte man ja mal drüber nachdenken. Und den Anwälten frei geben.
24.04.2009: Verstehe ich das richtig?
Es gibt also Menschen, die folgendes sinnvoll finden:
- Die ISPs in Deutschland werden verpflichtet, jede DNS-Anfrage mit einer geheimen Liste zu vergleichen.
- Diese Liste wird vom BKA unter Ausschluß von Öffentlichkeit und demokratischer Kontrolle erstellt. Angeblich enthält sie die Namen von Websites, auf denen kinderpornographisches Material angeboten wird. Das kann aber niemand kontrollieren, weil die Liste ja geheim ist.
- Wer doch auf eine Website – oder auf eine Unterseite, ein Bild oder was auch immer – zuzugreifen versucht, sieht eine Seite mit einem Stopschild. Es sei denn, der Zugriff sei durch eine Bild- oder Skriptreferenz verursacht worden, dann sieht der Benutzer ein Kaputtes-Bild-Symbol oder gar nichts. Dieser Zugriff kann dem angeblichen Zugreifenden durchaus verborgen bleiben.
- Die Zugriffe auf die Stopschildseite – gesehen oder nicht – werden aufgezeichnet. Die Aufzeichnungen werden auf Anforderung den Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung gestellt.
- Das bedeutet, daß jeder Internetbenutzer durch Anklicken eines beliebigen Links, Aufruf einer beliebigen Seite oder Lesen einer beliebigen Mail – sofern die Anzeige von Bildern in Mails nicht deaktiviert ist – in den Verdacht geraten kann, ein Kinderpornokonsument zu sein.
- Da sich der echte Kinderpornomarkt in Deutschland in einem relativ geschlossenen Zirkel bewegt, wird dieser auf den Gebrauch von IP-Adressen ausweichen und ist von den Maßnahmen im Großen und Ganzen nicht betroffen.
- Hinzu kommt, daß jeder einigermaßen technisch versierte Benutzer seinen Computer ohnehin so umrüstet, daß er andere DNS-Server verwendet. Wenigstens bis das auch verboten wird.
- Das Leid der mißbrauchten Kinder manifestiert sich eher nicht in dem Moment, wo jemand eine kinderpornographische Darstellung ihres Mißbrauchs konsumiert, sondern eher in dem Moment, wo dieser Mißbrauch stattfindet und aufgezeichnet wird. Es werden jedoch keinerlei besondere Maßnahmen ergriffen, der Produktion von Kinderpornos Einhalt zu gebieten. Nur der Konsum solchen Materials steht im Mittelpunkt des Interesses.
- Wenn wir mal davon ausgehen, daß die vom BKA in aller Heimlichkeit zusammengestellte Liste tatsächlich Websites enthält, die kinderpornographisches Material anbieten (wenn auch nicht ausschließlich), so kann man davon ausgehen, daß diese Liste an die Öffentlichkeit gelangen wird – schließlich müssen alle ISPs diese Liste kennen. Diese Liste enthält für jeden Kinderpornokonsumenten also (fast) reinen Goldstaub.
Was bleibt?
- Dem Kinderpornographiekonsumenten wird der Konsum seines Lieblingsmaterials tendenziell eher erleichtert. Diese Benutzer sind in der Regel auch technisch versiert.
- Jedenfalls bisher kann jeder technisch versierte Benutzer den gesamten Klimbim ausblenden. Hier also keine Konsequenzen.
- Für den weniger versierten, aber dennoch orientierten, Benutzer bleibt die Gefahr, bei jeglicher Aktivität im Internet, egal welcher Art, in den Verdacht des Konsums von Kinderpornographie zu geraten. Sie werden sich also vorsehen, was auch immer sie machen.
- Der technisch unbedarfte Benutzer fällt bei der einen oder anderen Spam-Mail ohne es zu merken in die Kinderpornoverdachtsfalle.
- Der Mißbrauch von Kindern und die Produktion von Kinderpornos werden unbeeinträchtigt fortgesetzt. Das Leid der mißbrauchten Kinder läuft also unverändert weiter.
- Das Klima der Angst behindert jedoch die Informationsgewinn im Internet massiv.
Ich habe noch nicht darüber spekuliert, wozu das Ganze gut sein könnte. Vielleicht habe ich ja schon mal gezeigt, wozu es garantiert nicht taugt.


