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buntklicker.de

das Blog von Martin Ibert: Merkwürdiges, Banales und Persönliches aus Deutschlands einziger Stadt

19.05.2011: fünfeinhalb zu drei

Der geständige Wettbetrüger Ante Šapina wurde zu weiteren fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. (Nachdem er ja vorher bereits aus ähnlichen Gründen zu knapp drei Jahren Haft verurteilt worden war.)

Was hat er angestellt? Er hat Fußballspiele manipuliert, in dem er Spieler dafür bezahlt hat, zu verlieren, und beachtliche Summen auf den Ausgang dieser Spiele gesetzt. Wer wurde geschädigt? Also zuerst einmal Menschen, die Geld – hoffentlich welches, das zu verlieren sie sich leisten können – auf ehrliche Fußballspiele setzen, in der Hoffnung, zu gewinnen; und natürlich auch die Zuschauer und die sonstigen Beteiligten, deren Hoffnung auf ehrlichen Sport enttäuscht wurden.

Das ist definitiv nicht nett.

Ebenfalls vor kurzem wurde ein 57jähriger Mann aus Heiligenstadt wegen sexuellen Mißbrauchs von Kindern in acht Fällen verurteilt. Der Richter wies darauf hin, daß die Opfer noch lange Zeit unter den Folgen der Handlungen des Verurteilten zu leiden und auf psychiatrische Hilfe angewiesen werden sein werden. Drei Jahre gab es dafür.

Fünfeinhalb zu drei. Darf ich das merkwürdig finden?

22.04.2011: tanzen verboten

Oh Mann, in was für einem Land lebe ich eigentlich?

In Deutschland sind nicht einmal mehr zwei Drittel der Menschen in einer christlichen Kirche organisiert, und immer noch zwingen uns die Pfaffen ein Tanzverbot auf. Immerhin ist Berlin offenbar das freieste Bundesland in Deutschland – das Tanzverbot gilt nur am Karfreitag, und nicht einmal den ganzen Tag –, aber ich finde des trotzdem skandalös. Niemand muß tanzen, wenn ihm nicht danach ist, aber anderen Menschen seine muffige Frömmigkeit aufzuzwingen ist für mich komplett unakzeptabel.

05.03.2011: E10 und ich

Ich bin ja, jedenfalls zur Zeit, automäßig ein Wenigfahrer und konnte mich daher bisher vor der Frage „E10 tanken oder nicht?“ drücken. Ich habe den Tank noch halb voll mit normalem Eurosuper aus der Zeit, bevor E10 hier erhältlich war.

Meine Tendenz ist aber trotz des Mehrpreises (bei den Tankstellen hier in der Umgebung kosten jetzt Eurosuper und Super Plus mit fünf Cent pro Liter mehr als E10 gleich viel, wo vorher sechs Cent pro Liter Unterschied waren) eher, weiter konventionelles Eurosuper zu tanken. Und da bin ich offenbar nicht alleine. Die kollektive E10-Verweigerung wird ja aktuell zum Super-GAU hochstilisiert, und alle zeigen mit dem Finger auf irgendwen als Schuldigen, nur nie auf sich selbst.

Ich will Euch mal was sagen: Versäumnisse bei Information und Marketing? Uninformierte und beratungsresistente Autofahrer? Alles Quatsch. Jedenfalls in meinem Fall.

Es ist ja nicht so, daß ich mich nicht informiert hätte, ob mein Auto für E10 freigegeben ist. Ist es. Der Hersteller (Renault) hat eine durchaus informative Seite zu dem Thema veröffentlicht. Diese Seite sagt mir, daß das Tanken von E10-Kraftstoff bei ungeeigneten Fahrzeugen schwere Motorschäden verursachen kann, mein Fahrzeug das aber verträgt und somit keine Schäden zu befürchten sind.

So weit, so gut. Offenbar ist das Zeug generell ziemlich gefährlich, wenn auch angeblich nicht für mein Auto. Und was hilft mir die Information, daß mein Fahrzeug E10 verträgt, wenn es doch Schaden nehmen sollte? Die Herstellerwebsite hat einen schicken Haftungsausschluß in ihren rechtlichen Hinweisen. So sicher sind sie sich also selbst nicht. Es könnte zu nicht eindeutig zuordenbaren Motorproblemen kommen, selbst wenn ich jemanden finden sollte, der mir die Verträglichkeit mit allen Folgen garantiert, so daß ich doch wieder im Regen stehe.

Seit wir unser derzeitiges Auto haben, habe ich hochgerechnet ziemlich genau 400 Liter Eurosuper pro Jahr getankt. Die Mehrkosten, weiterhin Eurosuper statt E10 zu tanken, liegen also nach jetzigem Stand bei satten 20 Euro pro Jahr. Das ist dafür, daß ich kein Risiko durch bisher unerkannte Effekte durch E10 eingehe, ein fairer Preis.

Dann tanke ich doch lieber, umfänglich informiert, weiter normales Eurosuper statt E10. Und während die Politik weiter nach den Gründen forscht, wißt Ihr jetzt sogar, warum.

18.02.2011: Oh Herr, laß Gras wachsen!

Das wird sich unser Verteidigungsminister zu Guttenberg wohl genauso denken wie sein Doktorvater.

Wer angesichts der vielen, vielen Doctores, die einem so, zum Beispiel als Gesprächspartner bei Kunden, über den Weg laufen, glaubt, jeder einzelne von ihnen hätte einen eigenständigen bedeutsamen Beitrag zu Wissenschaft und Forschung geleistet, der glaubt wahrscheinlich auch an den Weihnachtsmann. Ich vermute ganz stark, daß es gerade in den Massendoktorfächern wie Jura oder, schlimmer noch, Medizin, gang und gäbe ist, aus 99 Büchern ein hunderstes zu machen. Und so dachte ich zuerst, Guttenberg hätte einfach nur Pech gehabt, daß es bei ihm halt herausgekommen ist.

Doch so einfach ist es offenbar nicht. Es sieht so aus, als hätte Guttenberg nicht nur großzügig Zitate verwendet, in einigen Fällen ohne sie zu kennzeichnen; nein, auch Teile der Kernbereiche der Arbeit wie Einleitung oder Schlußfolgerungen sind offenbar fast wortwörtlich schon anderswo erschienen (um es mal vorsichtig auszudrücken). Und eine Crowdsourcing-Initiative gibt es auch schon: das Guttenplag-Wiki.

Und was wird es alles nützen? Ich bin ziemlich fest davon überzeugt, daß es gar nichts nützen wird. Zwei Wochen hat er nun Zeit, auf die Vorwürfe zu reagieren. Böse Zungen werden sagen, er werde diese Zeit nutzen, um die Arbeit gründlich durchzulesen. Wer weiß, vielleicht kannte er das Ausmaß der Schlamperei ja wirklich nicht?

In dieser Zeit fließt viel Wasser den Roten Main hinunter. Und Gras kann wachsen. In ein paar Wochen schon redet niemand mehr darüber, und dann wird das Thema irgendwie leise und gesichtswahrend für alle Beteiligten gelöst werden.

Aber daß sich Guttenberg wie ein Ehrenmann verhält und seinen Doktortitel von sich aus zurückgibt? Das kann wohl ausgeschlossen werden.

Leider.

Update: Er verzichtet dauerhaft auf seinen Doktor und bittet die Universität Bayreuth darum, ihn zurückzunehmen. Das hätte ich nicht erwartet, ich bin überrascht. Positiv! Andererseits ist das vermutlich das Klügste, was er in dieser Situation tun kann, um den Gesichtsverlust auf das unvermeidliche Maß zu reduzieren.

06.01.2011: Ach, Gesine!

Was hat sich Gesine Lötzsch nur dabei gedacht? In einem Beitrag für die „Junge Welt“ spricht sie von „Wegen zum Kommunismus“, überschreibt ihn sogar so. Und, welch Wunder, alle fallen über sie her – je weniger Durchblick, desto heftiger. Das hätte man kommen sehen können. Gerade als die Linke anfangen will (und muß), sich in Richtung Gestaltungsfähigkeit zu entwickeln, da uns in Deutschland ja langsam die nicht komplett untragbaren Parteien ausgehen, haut sie so ein Ding raus. Warum nur, warum?

Der Verlust an Glaubwürdigkeit für die ganze Partei dürfte enorm sein. Denn kaum hört der brave Bürger das K-Wort, hat er die völlig falschen Assoziationen. Da wird dann schon mal gegeifert, die Linke wolle zurück in die DDR. Doch das glaube ich nicht.

Leute, bedenkt doch bitte mal eins: Das, was in der Sowjetunion, der DDR und anderen Satellitenstaaten ablief, hatte mit Kommunismus ungefähr so viel zu tun wie das, was die derzeitige Bundesregierung macht, mit Regieren zum Wohl des Volkes. Die Regimes, die sich bisher „kommunistisch“ geschimpft haben, waren doch in Wahrheit ausbeuterische Diktaturen, in denen sich eine herrschende Klasse zu Lasten des Volks bereichert und ihre Macht mit Gewalt und Unterdrückung erhalten haben. Was soll daran bitte kommunistisch sein? (Okay, der cubanischen Führung würde ich zugestehen, daß sie zumindest versucht, es richtig zu machen, aber klappen tut es ja auch da nicht.)

Wenn man sich die Mühe macht, den Artikel von Gesine Lötzsch ganz zu lesen, stellt man fest, daß sie das wohl auch so sieht:

Wenn Kommunismus das Gemeinschaftliche betont und der Liberalismus den einzelnen, dann wollte Rosa Luxemburg beides zugleich – […] Eine Gesellschaft ohne Freiheit wäre für sie nur ein neues Gefängnis gewesen, so wie ihr eine Gesellschaft ohne Gleichheit immer nur eine Ausbeutergesellschaft war. Sie forderte die Herrschaft des Volkes über Wirtschaft und Gesellschaft genauso ein wie die Freiheit des Andersdenkenden. Sie war radikale demokratische Sozialistin und konsequente sozialistische Demokratin. Deswegen konnte der sowjetische Parteikommunismus sich am Ende genausowenig mit ihr versöhnen wie der bürgerliche Liberalismus.

Der Unterschied zwischen dem, was Rosa Luxemburg wollte, und dem sowjetischen Parteikommunismus ist ihr also durchaus klar.

Anderseits ist die Frage, ob unsere in immer zügelloseren Marktkapitalismus abgleitende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit den aktuellen und künftigen Herausforderungen noch klarkommen wird, meiner Meinung nach absolut berechtigt. Ich habe durchaus auch meine Zweifel.

Das alles heißt aber nicht, daß man Frau Lötzsch ernsthaft vorwerfen kann, sie wolle die DDR zurück.

Andererseits glaube ich persönlich auch nicht, daß Kommunismus funktionieren kann; meiner Meinung nach sind wir Menschen dafür einfach nicht gemacht, uns selbstlos dem Gemeinwohl zu widmen, und werden immer Wege suchen, uns zu Lasten der anderen zu bereichern. Deswegen glaube ich, daß es nur so funktioniert, daß man den Menschen eine Möglichkeit gibt, für das eigene Wohl zu handeln und damit gleichzeitig, gewissermaßen als Nebenwirkung, das Gemeinwohl zu fördern. Nennt sich „soziale Marktwirtschaft“ und hat jahrzehntelang in der alten Bundesrepublik recht gut funktioniert.

Hier noch eine Abschnitt von Lötzsch‘ Artikel, den ich sehr interessant finde:

Auf jeden Fall wird es nicht den einen Weg geben, sondern sehr viele unterschiedliche Wege, die zum Ziel führen. Viel zu lange stehen wir zusammen an Weggabelungen und streiten über den richtigen Weg, anstatt die verschiedensten Wege auszuprobieren. Zu lange laufen wir auf Wegen, obwohl wir ahnen oder gar wissen, daß sie nicht zum Ziel führen. Doch wir kehren nicht um, weil wir Angst vor denen haben, die immer noch diskutierend an der Weggabelung stehen und uns mit höhnischem Gelächter empfangen könnten.

Wie weise! Sehr viel weiser jedenfalls als mit dem K-Wort um sich zu werfen und damit eine Abscheureflex bei so ziemlich jedem auszulösen, außer vielleicht bei denen, die DDR tatsächlich wieder haben wollen.

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